Leben und Werk Friedrich
Looses
Vortrag, gehalten am 29. April 2006 in der Kirche
zu Großmühlingen

„Ultimum in exsecutione primum
est in intentione“ „Was zuletzt ausgeführt
ist, war zuerst gewollt“
So beginnt das Vorwort Friedrich
Looses zu seinem bekanntesten und zumindest in
unserer Region meist verbreiteten Werk „Aus
Großmühlingens Vergangenheit, Ein
Beitrag zur Volkskunde des ehemaligen Nordthüringgaus“ erschienen
1903 in Dessau, Druck der Hofbuchdruckerei C.
Dünnhaupt.
Eine neue, wesentlich verbesserte und umgearbeitete
Auflage besorgte der Verfasser unter dem Titel
| Geschichte von Großmühlingen mit
besonderer Berücksichtigung der Siedlungsgeschichte
und ihres Zusammenhangs mit der Volkskunde. |
Vlg. Anhaltische Rundschau Dessau
1923. Und da der Bedarf bestand, wurde dieser Druck
in den frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
durch die damalige Ortsgruppe des Kulturbundes
Großmühlingen als Nachdruck verbreitet.
„Was zuletzt ausgeführt
ist, war zuerst gewollt“ – das könnte
auch als Motto über unserem Projekt zu einem
Teil des umfangreichen hinterlassenen Werks Friedrich
Looses stehen, der 77 Jahre gelebt hat, 32 davon
in Großmühlingen.
Als Friedrich Loose am 24. April
1853 in Bornum geboren wurde, war sein Vater seit
3 Jahren dort Pfarrer und mit einer wohlhabenden
Müllerstochter verheiratet. Friedrich war
das 2. Kind des Ehepaars, 11 weitere sollten nach
ihm noch folgen. Der Vater erzog ihn sehr sorgfältig
aber auch sehr streng und bereitete ihn auf sein
späteres Studium vor. Aus seiner handschriftlichen
Biographie in der Chronik der Pastoren zu Großmühlingen,
die mit der Erwähnung eines Thidericus Plebanus
1290 als Notar des Grafen Otto I., einem Askanier-Fürsten,
beginnt und mit seiner eigenen Biographie bis zu
seiner Versetzung in den Ruhestand endet, erfahren
wir nichts über seine Kindheit, die Geschwister,
sein Leben in Bornum.
Fritz Arndt, der nach seinem Tode
einen Nachruf im „Serimunt“ – der
Zeitschrift „Mitteilungen aus Vergangenheit
und Gegenwart der Heimat, Blätter des Vereins
Heimatmuseum für Stadt und Kreis Köthen
(Anhalt) e. V. - im 5. Jahrgang, Nr. 20, am 24.
Weinmond 1930“ veröffentlichte, schreibt
er lakonisch:
| „Er selbst hielt ihr Schicksal (das
der Familie), wie das eigene, für viel
zu bedeutungslos, als dass er Nachforschungen
angestellt hätte.“ |
Dass seine Kindheit und Jugend aber
prägend für das spätere Leben Looses
war, erfahren wir aus dem Nachruf Werner Niemanns,
seines Schwiegersohnes und unmittelbaren Nachfolgers
im Amte des Pfarrers in Großmühlingen
im Bernburger Kalender für das Jahr 1932.
Er schreibt:
| „Wie anschaulich konnte er erzählen
aus seiner Kindheit. Da versetzte er den Hörer
in das kleine Zerbster Dörfchen Bornum,
wo sein Vater Pastor war, oder nach Brambach,
wohin sein Vater später versetzt wurde.
In seinen Erinnerungen erlebte man mit seine
Schülerzeit auf dem Franziszeum in Zerbst,
seine Studentenzeit in Halle…“ |
In Halle, wo er seit 1873 für 3 Jahre Theologie studierte, bescheinigte man ihm „fabelhaften Fleiß und tiefe Gründlichkeit“, dort legte er den Grundstein für seine umfassenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Theologie, die allerdings später durch sein lebensnahes Denken und den tätigen Umgang mit den Menschen seiner Gemeinde und ihren Problemen in eine freiere theologische Richtung mündete. Dafür hatte sein strenger Vater nicht immer Verständnis und auch seine Vorgesetzten hatten wohl des öfteren Probleme mit seinen Anschauungen, denn im eigenen Lebenslauf erfahren wir z. B. von einer unangemeldeten Kirchenvisitation durch den Superintendenten Fischer aus Bernburg 1899 in Großmühlingen. Doch dank seiner untadeligen Amtsführung blieben solche Visitationen für ihn ohne Folgen.
Sein Studium in Halle legte noch
einen zweiten Grundstein für das spätere
Leben, nämlich seine Beschäftigung mit
alten Sprachen. Lateinisch und Griechisch, ebenso
Hebräisch waren Bestandteil des Studiums,
doch Loose vervollkommnete sich im Laufe seines
Lebens so sehr darin, dass er imstande war, die
nötigen Quellen seiner späteren Arbeiten
zu lesen, zu übersetzen und auszuwerten. Ohne
diese gründlichen Kenntnisse wären seine
späteren Arbeiten wie z. B. „Mittelalterliche
Glockenkreuze“ oder sein Werk zur Geschichte
Großmühlingens nicht denkbar gewesen.
So finden wir in der handschriftlichen Chronik
(die in weiten Teilen noch der Veröffentlichung
harrt) die hebräische Wiedergabe der Schriftzeichen über
dem Portal des jüdischen Friedhofs
samt der Übersetzung
der Sprüche aus
dem Alten Testament. Doch das reicht dem Wissenschaftler
und Forscher Loose noch nicht. Bei seiner Beschäftigung
mit der Volkskunde und Etymologie stößt
er immer wieder an seine Grenzen bei der Auswertung
und Einordnung überlieferter Quellen, und
so beginnt er mit 74 Jahren noch mit dem Erlernen
des Gotischen und Althochdeutschen.
Der junge Loose entwickelt in Halle
noch ein anderes Talent weiter, das für die
Musik.
Fritz Arndt schreibt:
| „Drei Jahre arbeitete er hier sehr
fleißig und gehörte der Sängerschaft
Fridericiana vor allem deswegen an, weil sie
die edle Kunst eifrig pflegte. In einem ihrer öffentlichen
Konzerte erntete er 1875 mit der vollendeten
Wiedergabe einer Sonate Beethovens reichen
Beifall. Noch in seinem 77. Lebensjahre spielte
er klar und sauber seine Lieblinge: Bach, Haydn
und Beethoven. Eiserner Fleiß hielt ihn
auf der Höhe der Fingerfertigkeit. Die
Musik verschönte ihm die Arbeit für
seinen Beruf.“ |
Und Werner Niemann bemerkt nach Looses
Tod dazu:
| „Er war auch ein tüchtiger Klavierspieler.
In der letzten Zeit seines Lebens spielte er
fast ausschließlich Bach.“ |
Niemann nennt noch einen anderen
Mosaikstein aus dem Bild der Persönlichkeit
Looses:
| „Er war zu vielseitig, um zeitlebens
nur ein, wenn auch großes und reiches
Gebiet, zu bearbeiten. Es gab Zeiten, in denen
ihn sein Garten allein beschäftigte. Dann
wieder widmete er sich der künstlerischen
Holzbearbeitung oder er zeichnete. In der Ausübung
der Zeichenkunst hatte er eine hohe Vollkommenheit
erreicht.“ |
Einige wenige Beispiele dafür
sind zum Glück in der Pfarrei erhalten geblieben,
neben vielem, was aus Unkenntnis, Desinteresse
oder manch einem anderen Grund unwiederbringlich
verloren ging. So können wir eine erhaltene
Zeichnung des 12-jährigen Friedrich der alten
Kirche zu Bornum zeigen und eine spätere Ausführung
des gleichen Motivs.
Auch in der Chronik bereichern detailgetreue
Zeichnungen und Skizzen anschaulich den Text.
Nicht unerwähnt bleiben sollen seine
meisterhaften Kopien damals bekannter Landschaftsmaler,
von denen 2 sich im Besitz des Pfarrarchivs befinden.
Nach seinem Studium in Halle, das
er 1876 beendete, nahm Friedrich Loose verschiedene
Dienstverhältnisse auf, so z. B. als Hilfsprediger
und Pfarrvikar in Coswig oder als Hauslehrer in
Hoym, in Belleben und als Lehrer an der Töchterschule
in Köthen. Diese praktischen Kenntnisse kamen
ihm in seiner späteren Tätigkeit als
Ortsschulinspektor in Großmühlingen
zugute, die er von 1906 bis 1919 ausübte,
bis die geistliche Schulinspektion gesetzlich durch
das Land aufgehoben wurde.
Zum obligatorischen Wehrdienst musste
Friedrich Loose nicht, darüber und über
seine endgültige Einstellung als Pfarrer schreibt
er selbst in seiner handschriftlichen Biographie
kurz und lakonisch:
| „Soldat wurde ich nicht, da mein Brustumfang
nicht genügte. Beim damaligen Mangel an
Theologen fand ich den 1. April 1879 in Coswig
a. E. im Kirchendienst Verwendung, von wo aus
ich im Juni 1879 mein 2. theologisches Examen
machte.“ |
Und weiter schreibt er:
| „Zum 1. Juli 1886 wurde ich Pfarrer
in Radegast mit den Filialbereichen Zehlitz
und Wadendorf und zum 1. Mai 1898 hiesiger
(gemeint ist Großmühlingen) Pastor.“ |
Doch verweilen wir noch kurz in seiner
ersten Pfarrstelle in Radegast, die er immerhin
12 Jahre innehatte.
Fritz Arndt schreibt über diese Zeit in seinem
Nachruf, in dem auch der auch der Mensche Loose
ein wenig näher beschrieben wird:

„Am 7. Oktober 1880 traute ihn sein
Vater mit Therese Berger aus Krosigk, die er
schon in Halle kennen gelernt und der er die
Treue erhalten hatte. Nach vierjähriger
Amtszeit (April 1882 bis Juni 1886) in Sandersleben-Unterwiederstedt
wurde er am 1. Juli 1886 Pfarrer in Radegast.
Es war kein leichtes Amt, Seelsorger in Radegast, Zehmitz, Zehbitz, Lennewitz,
Wehlau und Wadendorf zu sein. Friedrich Loose gewann sich schnell die Herzen,
besonders der einfachen Leute, half mit Rat und Tat, wo er nur konnte, arbeitete
aber auch an seiner eigenen Fortbildung. Das hat er nie versäumt. Noch auf
seinem letzten Krankenlager vertiefte er sich in Albert Schweitzers Paulus-Buch.
Wegen seiner freieren theologischen Richtung hatte er damals bei seinen Vorgesetzten
einen schweren Stand, verschaffte sich aber auch bei ihnen Achtung durch seine
tadellose Amtsführung und sein umfassendes Wissen. Er „erlaubte“ es
sich sogar, als einer der ersten Pfarrer das Fahrrad zu benutzen. Auch der Sohn
musste dort zeitig fahren lernen – und mit einer Hand lenken, damit die
andere für den Regenschirm frei blieb! So war Friedrich Loose: ein echter
Hausvater alter Art, sein Wort galt unbedingt in der Familie, und auch das Unscheinbarste
sah und regelte er daheim. Sein Garten war ein Muster an Ordnung und Sauberkeit.
Die Reste der freien Stunden füllten Handarbeiten aller Art aus und die
Musik, seine alte Freundin.
Klar musste alles sein: Das Verhältnis zu Frau und Kindern, zu den kirchlichen
Körperschaften, zu den Lehrern – er war ja Ortsschulinspektor -, zu
den Mitgliedern seiner Gemeinden. Alles war nur Abbild seiner untadeligen, inneren
Sauberkeit und Pflichttreue.“ |
So weit ein Auszug aus dem Nachruf.
Über das Familienleben Friedrich
Looses erfahren wir in den überlieferten Schriften
sehr wenig.
Seine Frau Therese Berger wurde 1857 in Krosigk
bei Lobejün geboren und war die Tochter des
dortigen Mühlenbesitzers, sie starb 1928 in
Großmühlingen.
Das Ehepaar hatte 5 Kinder, der erste Sohn, Walther,
der schon 1881 in Coswig geboren wurde, starb bereits
mit 5 Jahren an Diphtherie. Ihm folgten Rudolf,
Elisabeth und Magdalene, alle 3 während der
Radegaster Jahre. Es gibt im Pfarrarchiv ein sehr
schönes Familienbild, auf dem die Familie
im dortigen Pfarrgarten zu sehen ist. Wenn man
das Bild genau anschaut, erfährt der Betrachter
sehr viel über die Familie.

Eine Person fehlt noch auf dem Bild,
es ist der Sohn Konrad, der erst 3 Jahre später,
also 1900, in Großmühlingen geboren
wurde. Er wurde nach seinem Abitur, das er in Dessau
ablegte und seinem Studium Ingenieur in Essen.
Über Therese Loose erfahren
wir in den schriftlichen Überlieferungen so
gut wie gar nichts, obwohl sie 48 Jahre die Frau
an seiner Seite war, 5 Kinder geboren, 4 davon
großgezogen hat. Sie führte in Großmühlingen
ein gastfreundliches Pfarrhaus, ältere Großmühlinger
erzählen bis heute von einem 60-teiligen Kaffee-
und Tafelservice, das auch benutzt wurde.

So berichtet auch der Hausherr in
seinem Lebenslauf in der ihm eigenen Kürze
| „Weil mein Vorgänger die sämtlichen
kirchlichen Körperschaften zu meinem
Einführungskaffee eingeladen hatte,
veranstaltete ich ein gleiches Mahl am
Einführungstage.“ |
Und ich denke, jeder von uns kann
sich ausmalen, welche Arbeit vor der Pfarrfrau
Therese Loose stand, „sämtliche kirchlichen
Körperschaften“ nicht nur zu sättigen,
sondern auch standesgemäß zu bewirten.
In
Großmühlingen hielt er am 1. Mai 1898
in Anwesenheit des Superintendenten Fischer aus
Bernburg seine Antrittspredigt.

Neben seinen vielen kirchlichen Verpflichtungen
war er z. B. Mitglied des Güstener Pastoralbezirks,
im deutschen Pfarrverein und in der Lutherstiftung
zur Unterstützung verwaister und unversorgter
Pfarrtöchter tätig.
In Großmühlingen wurde
unter seiner Leitung 1908 ein „Heiden-Missionsfest
des Erxlebener Missionshilfevereins“ und
1911 ein „Gustav-Adolf-Fest des Bernburger
Kirchenkreises“ gefeiert.
Doch auch zu den Menschen seiner
Gemeinde hielt er engen Kontakt. Um Stoff für
seine Familienabende zu haben, vertiefte er sich
in die Geschichte des Dorfes und der Grafschaft
Mühlingen.

Fritz Arndt schreibt:
„Noch eine riesige Arbeit
beschäftigte ihn
in der neuen Heimat, die Ordnung aller Pfarr- und
Kirchenakten. Jahrelang füllte ihre Registrierung
jede freie Stunde aus. Eine alte Kirchenstuhlordnung
Mühlingens fällt ihm in die Hände;
aber er konnte nicht klug daraus werden. Das Wissen
um die ständische Ordnung alter Zeit holte
er sich aus dem “Sachsenspiegel“.
Auch dort tauchte alter Brauch und Glaube auf.“
Und Werner Niemann schreibt:
„Seiner Heimat gehörte
seine Liebe. Ihrer Erforschung widmete er einen
sehr großen Teil seiner
freien Zeit. Hierbei scheute er keine Mühe.
Er konnte stundenlang auf alten, winkligen
Dorfkirchentürmen
herumklettern, um Abdrücke von Bildwerken
alter Glocken zu nehmen. Er saß unverdrossen
vor alten Baudenkmälern, um sie abzuzeichnen
und ihre Bedeutung zu ergründen. Bis in
die Nächte hinein konnte er sitzen und
schreiben, um sich in mühseliger Kleinarbeit
das Material zu verschaffen, das er brauchte.
Fleiß, Ausdauer,
Gründlichkeit zeichneten ihn aus.“

Und so veröffentlicht Friedrich
Loose zwischen 1901 und 1930 eine Fülle von
Arbeiten, die Grundlage für eine intensive
Beschäftigung bilden. Es lassen sich 3 Hauptgebiete
seiner Forschung erkennen:
1. die eigentliche Heimatgeschichte, 2.
die Volkskunde, 3. die Etymologie.
Heimatgeschichte
Zuerst zur Heimatgeschichte,
wie die mehrfach erwähnte Arbeit „Aus Großmühlingens
Vergangenheit“ oder „Das
wüst gewordene Barsdorf bei
Großmühlingen“, das erst 1933,
also 3 Jahre nach seinem Tode, erschienen ist,
ebenso wie der 1931 erschienen Beitrag „Das
Gasthauswesen in unserer Gegend, Ein kulturgeschichtlicher
Rückblick“,
dann „Die wirtschaftlichen
Zustände der Bauern im
Amte Mühlingen vor dem 30-jährigen Kriege“ oder
auch Arbeiten, die er vor der Großmühlinger
Zeit schrieb und später erst veröffentlichte
wie „Die Glocke zu Cösitz“ oder „
Die alte Kirche zu Bornum“ und letztendlich „
Das Dorf Bornum und seine Bewohner“, eine
Arbeit auf dem Jahre 1911, eine ebenso
fundierte Handschrift über die Geschichte
seines Heimatdorfes, die ungedruckt uns als Kopie
vorliegt.
Volkskunde
Das 2. Gebiet, dem sich Friedrich
Loose in seiner Forschung zuwandte, war das Leben
der einfachen Menschen, ihrer Bräuche, (Fotos
12, 13) die oft bis in die heutige Zeit erhalten
sind und deren Herkunft er bis weit in die vorchristliche
Zeit nachspürt, so z.B. in Aufsätzen
wie — Hahnebalken und Ahnenglaube —
oder über
die Bedeutung der auch uns heute noch bekannten
Redewendung — In Bausch und Bogen —>,
ein anderer Aufsatz beschäftigt sich mit
dem „Kindermärchen vom Storch“ einer
nennt sich „Zauberische Sprüche und
Zeichen“ oder
er untersucht die Herkunft des „Hexen-Einmaleins
in Goethes Faust I“ und
weist nach, dass auch der Altmeister der Literatur
in die große Wunderkiste der Volksüberlieferungen
gegriffen hat.
Eine ganz besondere Bedeutung für
uns Großmühlinger hat seine Arbeit „Die
Altarplatte der alten Kirche zu Großmühlingen“.
Nach dem Abbruch der alten Kirche
1882 wurde die Hälfte der aus weißem Sandstein bestehenden
Altarplatte geborgen und im Kohlenschuppen der
neuen Kirche aufbewahrt. Loose bemerkte sie dort
und entdeckte auf ihrer Rückseite eigenartige
Vertiefungen und Zeichen. Dieser Fund ist ihm Anlass
für weitgehende Untersuchungen und Forschungen,
und er kann nachweisen, dass diese Platte bis etwa
800 als Opferplatte auf der alten germanischen
Kultstätte gedient hatte, die sich ganz in
der Nähe der alten und auch der neuen Kirche
befunden hatte.
Die 3 eingehauenen Opferschalen deutet
er nun als Behälter für das Blut der
geopferten Tiere und ordnet sie nach der Ausrichtung
der Rillen den 3 germanischen Göttern Donar,
Wodan und Saxnot zu.
1925 kam sie in das anhaltische Landesmuseum
des Zerbster Schlosses, ebenso wie Teile des barocken
Hochaltars, der 1612 von der in Großmühlingen
lebenden verwitweten Gräfin Sophie von Barby-Mühlingen
der Kirche geschenkt worden war. Der Hochaltar
wurde von Loose in einem bisher unveröffentlichten
Teil der Chronik ausführlich beschrieben und
detailgetreu abgebildet.
Über den Verbleib dieser Bestandteile
Großmühlinger
Geschichte ist uns heute nichts mehr bekannt,
und es ist fraglich, ob sie nach dem Brand des
Zerbster
Schlosses im 2. Weltkrieg überhaupt noch
existieren. Dem nachzuforschen ist aber sicher
trotzdem lohnenswert.
Diese Arbeiten wären aber sicher nicht ohne
seine Kenntnisse der alten Sprachen und der Tatsache,
dass er im hohen Alter sich noch mit dem Gotischen
und dem Althochdeutschen auseinandersetzt, denkbar.
Etymologie
Und das 3. Gebiet, auf dem er forschte, ist
die Etymologie, die Lehre von der Herkunft
und Entwicklung
der Wörter und ihrer Verwandtschaft mit Wörtern
gleichen Ursprungs.
Für Loose sind (Zitat Arndt)
„Worte Symbole für Sachen,
für ganz wirkliche Dinge. Sind diese verwandt,
müssen auch die Worte dafür verschwistert
und verschwägert sein. Ohne Kenntnis der wirklichen
Lebenswelt, welche die Worte hervorbrachte, ist
es unmöglich, Wortkunde zu betreiben. Das
ist die Logik Looses.“
Das Ergebnis dieser Arbeit ist ein
handschriftlich hinterlassenes etymologisches Wörterbuch,
so erfahren wir aus den Nachrufen von Niemann und
auch von Arndt. Doch dieses Werk ist verschollen,
zumindest bis jetzt. Wir wissen nicht, ist es aus
Desinteresse vernichtet worden, steht es im Bücherschrank
eines uns unbekannten Sammlers, befindet es sich
noch in dem Konvolut bisher ungesichteter Großmühlinger
Kirchenakten? Auch hier ist unser Interesse geweckt,
nachzuforschen und – vielleicht – zu
finden!

Die Großmühlinger achteten
und liebten Friedrich Loose wegen seiner tiefen
Verbundenheit
mit ihnen und ihrem Leben. So ehrten sie ihn
schon zu Lebzeiten: 1928, zu seinem 75. Geburtstag,
wurde
die Straße vor dem Pfarrhaus in Friedrich-Loose-Straße umbenannt,
eine Ehrung, die gewiss nicht vielen Persönlichkeiten
zu Lebzeiten zuteil wird.

Und 6 Jahre nach seinem Tod wurde
dann, anlässlich der 1000-Jahrfeier der Gemeinde,
der Gedenkstein mit seinem Porträt in einer
Medaille und einer Platte auf einem riesigen Findling
enthüllt, die Platte trägt die Inschrift:

„DEM
VERDIENTEN GESCHICHTSFORSCHER UNSERER HEIMAT
FRIEDRICH LOOSE
DIE DANKBAREN EINWOHNER DER GEMEINDEN GROSS-
UND KLEINMÜHLINGEN
ERRICHTET ZUR 1000-JAHRFEIER AM 13. SEPTEMBER 1936 |
Nach der Wende erhielten die damalige
Sekundarschule und die heute noch bestehende Grundschule
den Namen Friedrich Looses.
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